Sehr geehrte Frau Staatssekretärin Grundmann,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen:

Es geht nicht um das ob, es geht um das wie!

Nein, es geht nicht um das ob!
Über das ob der Digitalisierung zu sprechen ist etwa so sinnvoll wie über das ob des Buchdrucks oder das ob des Flugzeugs. Digitalisierung ist eine Tatsache unseres Lebens und unserer Kultur. Das Internet ist Teil unserer Kultur, ein immer wichtigerer Teil unserer Kultur. Brauchen wir dann überhaupt so eine Konferenz? Ja!

Denn es geht um das wie.

Dazu 11 Punkte:

1. Herausforderungen

Die Frage, ob sich Archive, Bibliotheken und Museen den Herausforderungen der Digitalisierung stellen müssen ist in der Tat entbehrlich – Natürlich müssen sie es, sie können keine analoge Insel bleiben in einer Welt, in der Digitaltechnik in jeden Bereichs des Alltags Einzug hält. Wenn sie es nicht tun, werden sie an Bedeutung verlieren. Aber Wie sollen Museen, Archive und Bibliotheken dies tun?
Was bedeutet das ganz konkret?
Was ändert sich an den Arbeitsprozessen?
Was ändert sich auch am Selbstverständnis?

2. Zugang

Es geht auch nicht darum, ob Archive, Bibliotheken und Museen Zugang gewähren sollen zu dem, was sie im öffentlichen Auftrag und mit öffentlichem Geld bewahren und erschließen. Sie müssen es, dafür sind sie da! Würden sie es nicht tun, würden sie ihre Existenzberechtigung in Frage stellen. Bestandserhaltung allein, ohne Zugang, ohne Nutzungsmöglichkeiten, ohne Wirkung nach außen reicht als Legitimation nicht aus. Aber wie können, wie sollen und wie dürfen Museen, Archive und Bibliotheken in der digitalen Welt Zugang gewähren?

In der analogen Welt war es einfach. „Zugang“ war gleichbedeutend mit den Öffnungszeiten einer Institution. Heute bedeutet Zugang sehr viel mehr. Doch können die Zugangskonzepte der analogen Welt ins digitale überführt werden? Oder brauchen wir hier Anpassungen? Welche Prinzipien galten und gelten weiter, welche werden in Frage gestellt? Von wem werden sie in Frage gestellt und warum?

Nehmen Sie Bücher. Es gibt gebundene Bücher, sie sind recht teuer. Es gibt Taschenbücher, sie sind verhältnismäßig preiswert. Und es gibt die Möglichkeit, Bücher in einer Bibliothek zu lesen oder zu leihen. Das kostet gar nichts, von einer symbolischen Gebühr für den Bibliotheksausweis mal abgesehen. Der Nutzer einer Bibliothek hat auch ein vergleichsweise gutes Image, er gilt als belesen und wissbegierig, zumindest wird ihm keine „Gratismentalität“ vorgehalten. Und Bibliotheken werden öffentlich finanziert.
Wie lässt sich das ins Digitale übertragen? Oder führen die technische Erleichterungen dazu, dass die große Errungenschaft des Bibliothekswesens – ein freier, auch kostenfreier Zugang zu Büchern – in Frage gestellt wird? Das wäre eine paradoxe Konsequenz.
Und wie soll der Zugang zum kulturellen Erbe im Internet technisch gestaltet werden? Über Portale? Oder ist die direkte Auffindbarkeit durch Suchmaschinen inzwischen noch wichtiger geworden? Welche Rolle spielt das semantische Netz jetzt schon, welche Rolle wird es in Zukunft spielen?

3. Retrodigitalisierung

Es geht auch längst nicht mehr um die Frage, ob die Zeugnisse kulturellen Schaffens digitalisiert werden sollen. Sie sollen es! Europeana und die Deutsche Digitale Bibliothek sind Ausdruck dafür, dass Digitalisierung kulturpolitisch gewollt ist.
Und das ist auch gut so. Aber was soll denn da digitalisiert werden. Nur gemeinfreie Werke? Soll das kulturell so wichtige 20te Jahrhundert im Internet ein schwarzes Loch bleiben, wegen rechtlichen Probleme und Unklarheiten?

Und wie soll digitalisiert werden? Wie sollen die Digitalisate erfasst werden, wie sollen sie gespeichert werden? Wie sollen die Informationen darüber verknüpft werden? Welche Qualitätsanforderungen gibt es, welche Standards sollen eingehalten werden?

Auch in Deutschland ist schon viel Geld, auch öffentliches Geld für Digitalisierungsprojekte ausgegeben worden, ohne dass dies vorher geklärt worden ist. Deshalb lohnt der offene Blick darauf, welche Projekte und Konzepte funktioniert haben und welche nicht. Scheitern gehört zur Wirklichkeit von Digitalisierungsprojekten – auch wenn so etwas in den Zuwendungsbescheiden öffentlicher Einrichtungen nicht vorgesehen ist. Scheitern wird man nicht verhindern können. Auch hier gilt: Es geht nicht um das ob, es geht um das Wie.

4. Geld

Es ist keine Frage, ob Digitalisierung Geld kostet. Ja, sie kostet Geld!
Gedächtnisinstitutionen behalten die Verantwortung für die Archivarien, die in ihren Magazinen lagern. Schon das kostet Geld. Die Diskussion darüber, wie die Pflege von Parks, die Restaurierung von wichtigen Baudenkmälern, wie Archivierung und Museumsarbeit bezahlt werden kann oder soll, ist ja nicht neu. Die Retrodigitalisierung, die dem Zugang und nicht der Erhaltung dient, kommt als weitere Aufgabe hinzu. Und die Verantwortung für Materialien, die heute von Anfang an digital erstellt werden, kommt noch oben drauf. Die Verantwortung von Gedächtnisinstitutionen wird also mehr. Das ist mit höheren Kosten verbunden. Das alles muss finanziert werden. Wir werden darüber sprechen, wie dies finanziert werden kann. Gedächtnisinstitutionen sind in Deutschland ganz überwiegend öffentlich finanziert, d.h. über Steuern.

Heute morgen sah ich, wie ein Mann in einem Zeitungskiosk eine Flasche Nordhäuser Doppelkorn kaufte, sie aufschraubte und den Tag mit ein paar Schlückchen begann. Mit jedem Schluck hat er seinen Beitrag geleistet, das kulturelle Erbe zu erhalten und zugänglich zu machen. Natürlich nicht mit dem Schnaps – wohl aber mit der Mehrwertsteuer, die im Preis für den Schnaps enthalten ist.
Jeder in diesem Land trägt also zur Arbeit der Gedächnisinstitutionen bei. Auch Firmen zahlen übrigens Steuern.

Muss deshalb alles für alle dann kostenlos sein, weil sie ja schon bezahlt haben? Oder ist es nicht sinnvoll, über Gebühren und Eintrittsgelder die Kultureinrichtungen zumindest teilweise zu refinanzieren? Und was heißt das für den Zugang in der digitalen Welt? Bietet das Netz die große Chance, endlich einen kostenlosen und niederschwelligen Zugang zu ermöglichen. Kostenloser Zugang für alle – ist das nicht eine Verheißung? Ist sie auch realistisch?

6. Kooperationen mit Firmen

Es geht auch nicht um die Frage, ob öffentliche Gedächtnisinstitutionen bei der Digitalisierung mit Firmen zusammenarbeiten sollen – sie tun es. Mit Rechenzentren, mit Speicheranbietern, mit großen und kleinen, mit Google und auch mit den Unterstützern dieser Konferenz, mit emc, Startext und Zeutzschel. Und das ist ja nichts Neues: Auch im analogen haben Archive mit Dienstleistern zusammengearbeitet, mit Papierrestauratoren, mit Buchbindern usw., auf deren Expertise sie angewiesen waren. Aber wie arbeiten öffentlich finanzierte Institutionen mit Firmen zusammen, deren Expertise sie brauchen oder nutzen wollen? PPP – Public Private Partnership. Diese Kürzel wird in manche Debatte geworfen, als sei damit der Stein der Weisen gefunden. Die Frage bleibt: Wie sollen Archive und Museen mit der Privatwirtschaft zusammenarbeiten.

Soll z.B. das, was in der „analogen Welt“ längst „gemeinfrei“ ist, durch die Digitalisierung wieder bestimmten Firmen zugeordnet werden, die dann (zumindest für eine bestimmte Zeit) über die Konditionen der weiteren Nutzung in der digitalen Welt entscheiden? Oder bleiben die Zeugnisse des kulturellen Schaffens, die einmal gemeinfrei geworden sind, auch weiter gemeinfrei?
Einmal gemeinfrei, immer gemeinfrei? Oder endet die Gemeinsfreiheit faktisch mit der Digitalisierung?

7. Neue Formen der Partizipation

Es geht auch nicht darum, ob Archive, Museen und Bibliotheken sich öffnen. Sie tun es – zumindest einige. Mit der Wikipedia etwa haben schon viele Institutionen zusammengearbeitet, die Deutsche Nationalbibliothek, das Bundesarchiv, das Bundesdenkmalamt in Österreich oder das Deutsche Archäologische Institut um nur einige Beispiele zu nennen. Wir werden darüber im Laufe der Konferenz noch einiges hören…
Aber wie können partizipative Konzepte die Arbeit der Gedächtnisinstitutionen ergänzen und bereichern, und dabei trotzdem die wissenschaftliche Expertise von Archivaren und Wissenschaftlern weiter zur Geltung bringen. Nicht alles, was Partizipation oder Web2.0 als Label nutzt, ist sinnvoll. Manchmal ist „Schwarm Intelligenz“ nur ein Euphemismus für Herdentrieb. Besteht bei einer Öffnung nicht die Gefahr, dass die verantwortungsvolle Arbeit der geschulten Mitarbeiter in Gedächtnisinstiutionen von einer wilden Herde, von Trollen überrannt wird? Oder ist das Gegenteil der Fall, können endlich die Fehler berichtigt werden, die in eigentlich allen Bestandsverzeichnissen von Archiven und Museen zu finden sind. Oder stimmt vielleicht beides?

8. Wie und ob

Ganz schnell wird aus dem wie ein ob. Wenn etwa eine Nutzung grundsätzlich erlaubt ist, wenn kulturelles Erbe grundsätzlich zugänglich ist, aber die Regelungen darüber, wie die erfolgt so strikt oder kompliziert sind, das von dem ob nicht viel übrig bleibt. Was nützt ein Museum, das seine Öffnungszeiten auf zwei Stunden in der Woche beschränkt? Oder eine Bibliothek. Oder Digitalisate, deren Formate nicht am heimischen PC angezeigt werden können oder dürfen. Oder eine Institution, die Digitalisate zwar grundsätzlich zugänglich macht, dafür aber so hohe Gebühren verlangt, dass sie sich kaum jemand leisten kann.

9. Gestaltungsmöglichkeiten

Im Vordergrund dieser Konferenz stehen die Gestaltungsmöglichkeiten der Museen, Archive und Bibliotheken. Diese sind größer, als oft angenommen. Zwar gibt es viele Klagen, etwa dass das Urheberrecht die Interessen von Gedächtnisinstitutionen nicht ausreichend berücksichtigt. Doch wie gehen denn die Archive und Museen mit ihren Gestaltungsmöglichkeiten um? Institutionen, die aufgrund ihres öffentlichen Auftrags von Rechteinhabern einen Rabatt fordern, sind nicht immer freigiebig, wenn sie selbst die Bedingungen der Nutzung bestimmen können.

10. Urheberrecht

Wir werden die allgemeine Diskussion über das Urheberrecht nicht führen – nicht führen können. Doch soviel sei jedoch angemerkt:
Die Interessen der Kreativen, der Urheber sind den Kollegen in den Archiven, Museen und Bibliotheken nicht egal, im Gegenteil.
In Gedächtnisinstitutionen wird „Werkintegrität“ tatsächlich ernst genommen. Ob das bei jeden Verwerter und bei jeder Verwertung so ist, möchte ich bezweifeln. Auch die materiellen Interessen von Urhebern sind wichtig. Wer einmal in einem Archiv die Knebel- Verträge von Kreativen gesehen hat, der kann die Wut vieler Künstler verstehen, die sich darüber beschweren, nicht angemessen entlohnt zu werden.

Doch so wichtig der Schutz der Kreativen ist – über das Wie von Gesetzen, die ihrem Schutz dienen sollen, wird man mit Blick auf den Zugang zum kulturellen Erbe sprechen müssen. Wenn beispielsweise Museen immer mehr Mittel für die Recherche von Rechten ausgeben müssen, dann hat davon kein Kreativer etwas, im Gegenteil: Dies Geld fehlt!
Es fehlt für Lizenzzahlungen, es fehlt aber auch für die Erhaltung des kulturellen Erbes, das im ureigenen Interesse der Kreativen liegt. Profitieren tun andere. Anwälte z.B. Ich darf das sagen, ich bin einer.

11. Diskurs

Wie der Zugang zum kulturellen Erbe im Informationszeitalter gestaltet wird – damit befassen wir uns auf dieser Konferenz und damit müssen wir uns auch befassen. Diese Fragen sind nicht mehr heimatlos. Wir haben im Jüdischen Museum Berlin einen Raum gefunden, wo wir darüber diskutieren können. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die größte europäische Kulturinstitution, beteiligt sich engagiert an dieser Diskussion. Es ist nicht das erste mal, dass wir zusammenarbeiten, es ist nicht die erste Veranstaltung und wird sicher nicht die letzte sein. Das gilt auch für Wikimedia Deutschland, die diese Tagung mit vorbereitet hat. Impulse kamen auch von der Open Knowledge Foundation. Für diese Konferenz haben Institutionen zusammengearbeitet, denen die Diskussion wichtig ist. Wir haben mit der Arbeitsgruppe zum kulturellen Erbe des Internet und Gesellschaft Collaboratory ein offenes Forum des Austauschs über diese Fragen. Das iRights Lab Kultur ist ein neues Angebot, Archive, Museen und Bibliotheken bei der Entwicklung von Strategien für die Digitale Welt zu helfen.

Weitere Unterstützung haben wir für diese Konferenz von emc², Startext und Zeutschel erfahren, denen ich herzlich danke.

Beginnen wollen wir die Konferenz mit praktischen Beispielen. Es wird jetzt fünf Präsentationen geben – nur 6 Minuten und 40 Sekunden haben die Kollegen Zeit, Ihre Projekte vorzustellen. Auch ich bin sehr gespannt. Ich bitte Sie alle, anschließend das nach Ihrer Meinung beste Projekt auf dem Wahlzettel in Ihren Tagungsunterlagen anzukreuzen und die Wahlzettel bis 17.00 Uhr hier einzuwerfen. Dem Gewinner winkt nicht nur der Ruhm, von einem so fachkundigen und engagierten Publikum ausgewählt zu sein, sondern auch Preise.
Doch jetzt genug der einleitenden Worte und Bühne frei für jene Projekte, die anschaulich machen, worum es heute geht. Ich bitte, Peter Paul Kubitz und Jürgen Keiper auf die Bühne, die das Projekt „First we take Berlin“ vorstellen.